Halbe Portion Jubel


Carsten Klook: Halbe Portion Jubel (CD)

Hörstücke, Gruenrekorder 034

„Überall bilden sich in der Gesellschaft Gruppierungen, Parteien, von denen er sich fernhält, aus denen er sich selbst ausschließt. Er vertritt nichts, nicht einmal sich selbst.
Vom Glauben an gesellschaftliche Utopien, welche die Stelle der früheren religiösen Dogmen übernommen zu haben scheinen, hat ihn die Geschichte geheilt, die sogenannte Weltgeschichte ohnehin, und die bescheidene Geschichte seines ganz persönlichen Lebens nicht weniger.“

Aus: Kurt Aebli „Der ins Herz getroffene Punkt“ (urs engeler editor)

Mögen diese Sätze meine Programmatik erläutern.

Der Einfall zu diesen Hörstücken kam mir, als ich beim Schlachter einen Schweinskopf in der Vitrine liegen sah. Die Vorstellung, dass Köpfe und deren Welten abnehmbar und verkäuflich sind, lächelte mich an. Eine Art Häme sich und seinen kopflastigen Attitüden gegenüber war hier ausgestellt.  
Die mir seit Langem fehlende Stimme, hier sah ich sie zumindest, wenn ich sie schon nicht hörte, aus ihrem museal platzierten Resonanzkörper geistvoll aufsteigen. Daraufhin nahm ich meine Po(e)si(e)tionierungsversuche als Aufschnitt-Angebot im Schlachterladen wahr: 100 Gramm wirklich Wichtiges, 30 Gramm Fragezeichen ... 250 Gramm rauchzarte Wortlandschaftskrumen. Auskünfte zu elementaren Fragen im Format von „Glaube, Liebe, Hoffnung“.
Ich verzichtete auf den Einkauf und stilisierte statt dessen meinen Mittagstisch zu einer Art privaten Weltverlustfestspiels. Dabei drapierte ich mehr oder minder bekömmliche Häppchen zu akustischen Prosa-Miniaturen in Auf- und Abschnitten.

Das Hörspiel beschränkt sich auf die Abfolge von Bausteinen, die angefertigt wurden, um die „Fiktion des sozial ungebundenen Individuums“ zu retten, nicht aber den Betreffenden selbst.
Ein Versuch, das Subjekt als Überlebendes sprechen zu lassen, fern jeder Objektivität, als etwas Verstümmeltes, Stammelndes, das aus dem Stammelheim des Kopfes heraus will (vergleiche den Track „Das Recht auf Meinungslosigkeit“).

„Zwischen dem künstlerischen Erlebnis und dem täglichen Geschehen öffnete sich eine immer tiefere Kluft“. „Aber Menschen wollten - auch wenn es alle Wirklichkeit kostete - die Sonderheit ihrer Person retten.“ (Carl Einstein: Die Fabrikation der Fiktionen). Und sei es nur aus Rache an der Gemeinschaft und deren Zeichen.

Die CD „Halbe Portion Jubel” ist eine Sammlung von Prosaminiaturen und Sex-Gedichten, eingebettet in Soundscapes zwischen Song und Geräusch, zwischen Trash und Ambient. Die Texte sind beeinflusst u. a. von der Konkreten Poesie, Collagentexte der 60er und 70er Jahre, den Arbeiten Max Goldts und Helge Schneiders.
NoSense: auch eine Art Notwehr gegen den Machtmissbrauch durch Statik erzeugende Behauptungen eines wie auch immer gearteten Sinns.

Es geht darum, die Dysfunktionen der Sprache mitzudenken, die Kontexte der Doppel- und Dreifachbedeutungen, die Auflösungen. Splitter von Radio- und Fernsehmoderationen finden dabei ebenso Eingang wie ein Gedicht Ilse Aichingers.
Der Satz „Meinungslosigkeit ist schwer zu behaupten“ gilt mir als Programm für einen heutzutage anscheinend nicht mehr existierenden Freiraum.

Die Texte entstanden zwischen 1978 und 1994.
Aufgenommen wurde zwischen 1988 und 1997: zuerst in LoFi mit 4-Spur-Cassettenrekorder auf dem statisch aufgeladenen Nylon-Teppichboden einer Wohnung in der Hamburger Innenstadt.
Abgemischt wurde dann im professionellen Heimstudio von Uwe Haas und im Studio Bullerdeich vom Hamburger „Rockbüro“, wo auch diverse Vokalparts neu entstanden.

Mein englisches Info befindet sich hier.


Playlist:

  1. Lunfenkuß
  2. Göttin der Nacht
  3. Guck´mal da: Liebe!
  4. Dr. Kußboxer und seine Sekretspenderinnen
  5. Fragezeichen
  6. Das wirklich Wichtige
  7. Roter Faden
  8. Tarnkappe
  9. Begriffsklärschlamm
10. Ich-Augensuppe
11. Das Recht auf Meinungslosigkeit
12. In der Zweifelsfalle
13. Ambivalium
14. Eins (Text: Ilse Aichinger)
15. Ausladende Zungen / Warzen sind unser Schicksal
16. Der Zwischenton
17. Halbe Portion Jubel
18. Beschreibung
19. Freihändig
20. In der Diskothek

Gitarren, Stimmen, Texte, Noises, Kompositionen, Arrangements und Produktion: Carsten Klook

Gitarre auf "Ambivalium": Andreas Voss

Copyright 2005

Artwork & Coverfoto: Silke Gatermann
Carsten Klook bei Gruenrekorder


Der Track "In der Diskothek" als MP3-File bei iTunes


Rezensionen:

"Was gesagt wird, spottet jeder Beschreibung"

Da streift ein Rüsseltier über den Sand. Ein Meeresstrand, besucht von einem, der selten rauskommt, weil er sowieso schon weiß, dass das wieder nichts wird mit den Empfindungen an der frischen Luft.
 
Dass ich die CD acht Jahre nach ihrer Herausgabe bespreche, heißt nur, dass es schon so lange CDs gibt, Musik gibt’s schließlich noch viel länger. Zur historischen Einordnung nur so viel, wer Ansprüche erhebt auf vollständige Sammlungen „Akustischer Perücken“, besonders Hamburger Schule, „Blumfeld“ und ähnliche Preziosen, und diese CD nicht besitzt, hat keine vollständige Sammlung.
 
Carsten Klook schreibt auch Romane, und es gibt eine Passage, in der zwei junge Menschen an der Nordsee frisch ineinanderstoßen, bis einer abbricht und keine Lust mehr hat. Sowieso misstrauisch, was das denn überhaupt soll, aber noch viel mehr absichtlich ätzend verletzend, viril ermächtigt und völlig entgeistert von der eigenen Bosheit. Oh ja, das kommt vor. Einer verwandelt sich in ein Rüsseltier und nimmt dann eine CD auf. Die CD „Halbe Portion Jubel“ ist eine Sammlung von Prosaminiaturen und Sex-Gedichten. 20 Stücke zwischen Geräusch und Selbstgespräch.
 
Also, lieber mit dem Rüssel in anderer Leute Ohren trompeten, als sich ständig deren dufte Gemäre anhören über ihre guten Riecher. Außer dass es darauf trombt und pfeift, mieft’s aber auch raus aus dem Rüssel, weil sich Begriffe, nicht ohne in Gärung überzugehen, unterdrücken lassen. So riechen Worte bald nach einer anderen Bedeutung. Man kann nur stutzen, wie sich Worte aneinander infizieren. Carsten Klook pocht auf der CD hörbar auf das „Recht auf Meinungslosigkeit“, weiß aber andererseits ziemlich gut, was er nicht lassen kann, das „Dollmatschen“ in „Begriffsklärschlamm“. Man kann bei dieser Gemengelage trefflich streiten, ob Sprache immer geht, also gar nicht zu gebrauchen ist, oder ob sie doch eine zuverlässige Nutzlast an Bedeutung hat.
 
Dies ist also eine böse CD. Trotzdem meist grotesk zart. Bitter, auch komisch. Da wird nichts erklärt, das ist nicht zum Spaß, auch nicht zum Spielen. Da wird auch nicht eigentlich gesungen, mehr besprochen, so wie Warzen. Man hört hin, und etwas tönt zurück. Es ist organisch, körperlich, manchmal unangenehm drängend. Das ist aber keine Interpretation, die einem aufgedrängt wird, da musikübliche Gefühlserpressungen, wie Tschingerassa, virtuoses Spiel und großer Abspann, fehlen. Es ist eine Anfechtung, die man als Hörer zu verantworten hat, mit dem eigenen Gedächtnis. Da werden keine neuen Lebensgefühle gezeigt, auch nicht gezeugt, niemand wird belehrt oder korrigiert. Hier gibt’s auch nichts zu gewinnen.
 
Es ist etwa das, was man selbst sich angewöhnt hat, „sorgsamst innezuhalten“, stumm auszusitzen, den „Geigenrabbatz“ im Kopf, entstanden durch das „facettenreiche Gesabber der Realität“. Keiner soll bitte glauben, aus irgendeiner Not eine gangbare Tugend machen zu können. Kein Mitleid, keine Konzessionen, wir haben hier Akustik, aber kein Asthma, trotz Buchstabenstaubexplosion keinen Auswurf. Das sind keine Dinge, mit denen man schlägt oder spielt, das sind überhaupt keine Gegenstände, obwohl sie zugegebenermaßen ziemlich sperrig werden können. Wer zu lange über „eine getöpferte Armbanduhr“ nachdenkt, hat nämlich bald kein Zeitempfinden mehr.
 
Und haut ab mit dem Schopenhauer und den drei Welten. Eine als Wille, eine andere als Vorstellung und eine dritte als Musik, und letztere spiegelte dann ganz toll die ersten beiden – Wille als Bass und Melodie als Vorstellung. Das ist doch bloß Instinktarmut. Die Behauptung einer Welt in reinster Klarheit mit asketischem Ausweg ist „lebloses Glück aus Flausen“.


Von Nora Sdun, Textem.de am 25. März 2005

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"Einmal zum Beispiel hat der Hamburger Dichter Carsten Klook eine Tonband-Anlage im Westwerk aufgebaut und seine die Dummheit der Sprache entlarvenden Texte abgemixt. Nicht wenige haben sich dabei prächtig amüsiert."

Das schrieb Ronald Gutberlet im ersten Hamburger Ziegel in seinem Text "Bucerius geht zu Tchibo".

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"Vom leeren Rauschen der Sprache" (geschrieben von step, taz hamburg, 26. 5. 1990)

Die Welt ist eine Großstadt. Voller Straßen (Leben), voller Zungen (Sex), voller Maschinen (Menschen und Maschinen). Die arbeiten und hören nicht auf, die reden und reden immer weiter. Die machen keine Pause, die hören einander nicht zu, im Grunde vermehren sie nur den städtischen Ausstoß an Schall. Der schwillt an, schwillt zu einer gestaltlosen Masse, die alle umhüllt und alles Leben im Keim erstickt. Die Worte und die Sätze zumindest, die da in die Welt posaunt werden, sie schaffen kein neues Leben, sie dienen keiner Verständigung, sind hohl, abgestanden, verbraucht.

Carsten Klook, Hamburger Literatur-Förderpreisträger und Journalist, kennt man als Sinnbohrer und Wortverdreher. Das zentrale Thema seiner Hörstücke (…), die er zusammen mit einigen live geselsenen Textem am Donnerstagabend im angenehm besuchten Westwerk vorspielte, ist die verlorene Kommunikationsfunktion der Sprache.

Eine Dreiviertelstunde sitzt er auf der freitragenden Bühne über den Köpfen der Tresenbedienungen, verschanzt hinter einem Tisch und einer flankenschützenden Tonbandmaschine, dreht hier und da an dem einen oder anderen Reglerknöpfchen und sagt nichts. Die Texte trägt derweil das Tonband vor, dessen technische Verfremdungsmöglichkeiten die Hörstücke nutzen wollen. Überblendungen, Mehrspurigkeit, variable Abspielgeschwindigkeit, Überlagerung mit Geräusch- oder selbsteingespielten Musik-Segmenten lassen akustische Miniaturen entstehen, die aus dem Genre zwischen den Buchdeckeln herausweisen.

Die Vortragsweise ist deutlich goldtig: wie der Berliner Foyer des Arts-Sänger Max Goldt läßt Klook seine Stimme in eine handvoll wiedererkennbarer Lagen schlüpfen, die er klischierten Typen zuordnet. Läßt kleine Rollenspiele durchexerzieren, die er seiner Umwelt abgelauscht hat. Die Fragmente der alltäglichen Sprache, die Klook gesammelt hat, die Sätze und Dialogschnipsel, die er untersucht und auf ihre Kommunikationstauglichkeit abklopft, sie zerrinnen unter diesem Zugriff zur reinen Konvention, werden inhaltslos, pures Rauschen.

Klook dreht die Bruchstücke, wendet sie, läßt sich von den Sinn-Angeboten des klingenden Wortes in neue Richtungen lenken, erzeugt Bilder absurder, surrealer Eindringlichkeit, die wieder in sich zusammensacken, und läßt seine Texte in der unendlichen Wiederholung auslaufen, sich zum undurchdringlichen Phrasendschungel aufschaukeln, zum sprachlichen Lärm, Geräusch werden, das den Endzweck der moderner Klangaufzeichnungs- und -bearbeitungsgeräte erfüllt – eine Folge des Gesetzes der Energieerhaltung.

Als Dessert nach diesen nicht ganz leicht verdaulichen Stücken las Klook einige Texte live. Las, etwas fahrig in der Artikulation und leicht gehetzt, von einer kreischenden Meute busfahrender Kinder; von deren undurchschaubarer Aneignung einer eigenen Sprache, von der Skrupellosigkeit, mit der dieses geschlossene Zeichensystem durchgesetzt wird, das schon der Nachbarin nichts mehr mitzuteilen hat.

Oder las von der Straße, der allgemeinen, mit den Mittel- und Zebrastreifen, den Ampeln, Bürgersteigen, den rasenden Autofahrern und den kotenden Hunden. In Klooks Begriffswelt zeigt sie sich als Gleichnis des Lebens: getreten, überfahren und beschissen.

Klook erzählt keine langen Geschichten, das liegt in der Logik seines Mißtrauens gegen die Möglichkeiten der Sprache. Es geht ihm nicht um die weitgespannten Spannungsbögen, es geht um die kleinen Fenster, darum in einem doppelten Wortsalto, ein kleines Stück Aufmerksamkeit zu wecken, ein kleines Stück jener Einsicht entstehen zu lassen, die aus dem unvoreingenommenen ersten Blick entsteht. Diese Texte sind Trauerarbeit, Trauer über den Verlust des ersten Blicks, Trauer über die verlorene Kommunikation, über die immer weiter gehende Entwertung der Sprache, seines Mediums. Zugleich zielen sie aber über die bloße Endzeitstimmung hinaus: schließlich öffnen sie immer wieder eines dieser Fensterchen, hinter dem lächelnd ein neuer Gedanke wartet. 

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