„Stadt unter“ bei Textem!

Taschenbuch, 11 x 18 cm, 178 Seiten, 14.- Euro

© Textem Verlag 2011, ISBN: 978-3-941613-64-5

Gestaltung: Christoph Steinegger/Interkool       Cover: Kirsten Heuer

 

Die ersten anderthalb Kapitel sind in den Weblesungen hörbar.

 

Die Story

Marc macht eine Wasserleiche am Elbufer vor Lauenburg zum Ausgangspunkt für ein Drehbuch zu einem TV-„Tatort“. Daraus wird ein Katalog der Möglichkeiten, der auslotet, wie man um eine fiktive Tote eine Kriminal-Geschichte spinnt. Kunstvoll greifen hier verschiedene Ebenen von Traum, Fantasie und inszenierten (Sprach-)Realitäten ineinander. „Stadt unter" ist ein Roman über das Schreiben, das Sehen und die Täuschung, ist Liebesgeschichte, Mediensatire und Metakrimi gleichermaßen.

Die wechselnden Ebenen von Traum und Wirklichkeit, von nüchterner Drehbuchsprache, Poesie, Alltagsbeobachtungen, inneren Monologen und lächerlich schwülstigen Schwärmereien ergeben ein spannendes Text-Gewebe.

Der Roman sprengt formale Grenzen, Genre-Gesetze, Krimi- und TV-Klischees. Es ist die
humorvolle Dekonstruktion einer Geschichte mit Leiche

 

Textausschnitt:

Marc betrat die Kneipe. Der Wirt und drei Gestalten – eine Frau und zwei Männer – standen dort, sonst war der Raum leer. Als Marc im hinteren Teil des Lokals an einem runden Tisch Platz genommen hatte, hörte er: »Du, das ist mein Mann! Mein Mann!«, fauchte die Alte unter Mini-Pli perplex wem auch immer zu. Die beiden Männer zu ihren Seiten waren ganz ihrer Meinung. Der Wirt, der diese Szene scheinbar schon kannte, tauchte seine Hände in das von Bierresten geweihte Wasser des Spülbeckens. Marc sah sich um: Hinter ihm türmten sich Mythen der Seefahrt an den Wänden. Bilder, Reliefs und Regale voller Fläschchen.
Wenig später umarmten dann beide Männer, einer von links, einer von rechts, dieselbe Frau. Der Wirt davor, hinter der Theke, schenkte ihnen reinen, nein, keinen Rhein-Wein ein, nein. Er zapfte ein, zwei, drei Bier und legte eine andere CD in die Lade, die automatisch zurückfuhr und sich abtasten ließ. Am Laser-Strahl entlang. Darauf begannen die Drei am Tresen, rhythmisch nach vorn und nach hinten zu zucken. Für Marc sah es aus, als würden sie zunehmend kleiner und größer, die Figuren, ihre Rücken ... zu den Takten einer scheinbar rüden Countrymusik. »Boss Hoss«, sagte der Wirt, als er an den Tisch kam und die Bestellung aufnahm, »kennste nich?!« Marc verstand »Boss Horst«, dachte, das sei der Name des Wirts und bestellte schnell einen Grog. »Isses schon soo weit?«, fragte der Wirt im karierten Hemd mit Schürze und schwarzer Lederweste. Ein ehemaliger Trucker, glaubte Marc, rekapitulierte das »Isses schon so weit?« und fragte sich das selbst. »Boss Horst«, dachte Marc, als könnte man so etwas denken, und erkannte, staunend, unter dem Gewippe der Tresenleute, ihrer Rhythmik und den schroffen Melodien Ansätze der Originale, die die Band coverte (…)
Beim Gang auf die Toilette entdeckte Marc im Flur Fotos von Menschen, die den Grad von Betrunkenheit neu definiert hatten und grenzüberschreitend für alle danach trachteten, ein weit hinter bekannten Promillegrenzen entstehendes, debil-schielendes Leben nach dem Tod ins Diesseits zu retten und zu verkörpern.

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Erste Pressestimmen:

Schwan frisst Skript. Hamburger Fernsehdramen

Ein Drehbuchautor hat eine Schaffenskrise und das in Hamburg. Er scheppert sich so durch die Tage und sucht immer noch nach einer Kriminalstory. Dabei lässt er keine Quelle aus, seine Freunde verwandeln sich zu einem Teil der Geschichte, Artikel aus Zeitungen werden gezielt nach möglichen Krimiereignissen abgesucht und hinter jedem Busch vermutet er eine Leiche oder einen Mörder.
   So ist das, wenn man verzweifelt ein Drehbuch schreiben muss, das Fernsehen den Termin festgelegt hat und man sich eigentlich eher verlieben möchte, als an dieser Geschichte nun weiter zu basteln. So fliegt dann das Skript auch aus dem Fenster und wird prompt gefressen von einem Schwan, der auf der Elbe schwimmmt.
   Die Versuche gehen dann noch weiter. Wer schon einmal an einer längeren schriftlichen Arbeit gesessen hat, kann das, was da der Hauptperson passiert ist, nachvollziehen.
   Ein sehr lebendiger und manchmal auch lustiger, sprachlich oft brisanter Roman, der zunächst als Krimi daherkommt, dann eher eine Schreibkrise und Liebesgeschichte zum Gegenstand der Erzählung hat.
   Carsten Klook lebt als Schriftsteller in Hamburg. Vor Stadt unter erschienen bereits andere Romane von ihm.

Birgit Friebel, Letterbox-Pirilamponews, 3. 1. 2012

 

Angenehm sperriger Krimi mit Wasserleiche: Stadt unter
Psychedelischer Realismus von Carsten Klook

 
Personen und Handlungen seien frei erfunden. Lauenburg/Elbe diene nur als Kulisse für diese fiktive Geschichte. Das versichert der Einlauftext auf Seite vier. Vorweg: Es macht mehr Spaß, das nicht zu glauben. Faktisch passiert in den folgenden 34 Kapiteln nicht viel. Das meiste spielt sich im Kopf des Protagonisten Marc ab, der während mehrerer Aufenthalte im besagten Städtchen als Drehbuchautor für eine TV-Krimiserie recherchiert. Sprachlich und erzählerisch sich alle Freiheiten nehmend, beschreibt Carsten Klook höchst amüsant und angenehm sperrig das ständige Hadern und Scheitern Marcs auf der Suche nach dem Clou für seine Geschichte: Woher kommt die Wasserleiche? Wer hat sie warum zu einer solchen werden lassen? Wer löst wie den Fall? Marc taucht so tief in seinen Stoff ein, bis die unausgearbeiteten Charaktere im Traum zu ihrem Schöpfer sprechen und die Realitätsebenen verschwinden. Die Rahmenhandlung – sozusagen zum Durchatmen in der echten Wirklichkeit – wird bestimmt von Redakteurin Hilde Brammert, die Marc zur Abgabe des Drehbuchs drängt, und von einer Normopathin namens Jill, mit der Marc anbändelt und die ihm während einer plötzlichen Augenerkrankung beisteht. Klar, dass der Job nicht fertig wird und es schließlich kommt, wie es kommen muss: Genervt vom stockenden Script nimmt der eigentlich fiktive Kommissar Hock die Dinge selbst in die Hand und macht dem Ganzen ein unappetitliches Ende. Der hat Nerven. Aber wer denn jetzt? Der Hock? Der Marc? Der Klook? Ein rundum psychedelisches Vergnügen.
 
Michele Avantario, Szene Hamburg Dezember 2011
 

„Die jeweils mehrschichtig verwobenen Handlungsstränge spielen teilweise in Lauenburg, verweben Fiktion und Realität höchst amüsant. Klook überrascht mit neuen Sprach- und Bilderspielen, nimmt Worte und Bedeutungen auseinander. Er verquickt Tagebuch- und Boulevardstil ebenso gekonnt, wie er Rituale, Missverständnisse und Klischees seziert. Der Zuhörer oder Leser fühlt sich oft ertappt – und ist fortlaufend gefordert: Stipendiat Klook kombiniert und phantasiert ohne Scheu, präsentiert fast immer eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte.“  (Eva Albrecht, RZkultur)

 

„Durch lange, verwinkelte Sätze gekoppelt an bildreiche Vergleiche, die zumindest passagenweise eher an Poesie als an Prosa erinnern, lässt Carsten Klook einen Sog entstehen, der den Zuhörer in seinen Bann zieht.“ (W. Brütt, Lauenburgische Landeszeitung)


„In schier endlos langen Sätzen bedient sich der Autor einer Schreibweise, die von der Fiktion in der Fiktion getragen wird. Durch die Aneinanderreihung von Wiederholungen bekommen seine Dialoge einen beschwörenden, fast hypnotischen Anstrich.“
(U. Dürkop, Lauenburger Rufer)